IV
Das tägliche Sterben

IV.1 Die Archäologie als Spiegel eines beispiellosen Abschlachtens

"Nein, Euer Martyrium ist nicht vorbei, meine Kameraden, das Eisen wird Euch noch verletzen, wenn der Spaten des Bauern Euer Grab umdreht". Roland Dorgelès, Artois, 1915.

 

Der 1. Weltkrieg war insofern eine Premiere, als dass man sich zum ersten Mal ernsthaft um die Identifikation der Gefallenen bemühte und im Rahmen des Möglichen versuchte, jeden von ihnen einzeln zu bestatten. Doch die Umstände der Kampfhandlungen und die übergroßen Verluste ließen diese Bemühungen oftmals lächerlich erscheinen.

Bild Gesamtansicht des Notgrabes‚ in dem 5 tote... - Cl. Michel Signolli. CNRS
Bild Das Grab der Grimsby Chums auf dem Gelände des... - Cl. Gilles Prilaux. Inrap
IV.1.1 Fast 700.000 Vermisste

Für die Commonwealth-Truppen liegen sehr präzise Zahlen vor, denn die aufgefundenen toten Soldaten wurden alle in unmittelbarer Nähe der Stelle einzeln begraben, wo sie gefallen waren, so dass man eine ziemlich genaue Vorstellung von der Anzahl der Soldaten hat, deren Leichnam nie gefunden wurde. Zählt man alle Nationalitäten zusammen, so fielen aus dem Commonwealth 640.000 Soldaten an der Westfront. Für die von der Commonwealth War Graves Commission unterhaltenen Friedhöfe sind 520.000 Gräber gelistet, und somit ist für 120.000 Soldaten keine Grabstätte bekannt. Dies entspricht ca. 20 % aller Gefallenen und Vermissten. Für die anderen Kriegsparteien ergibt sich bei derselben Proportion wie folgt: Frankreich (1.300.000 Gefallene), Belgien (38.200 Gefallene) USA (52.000 Gefallene), Deutschland (1.490.000 Gefallene), so dass an den Linien der Westfront überall verstreut noch an die 700.000 tote Soldaten liegen.

Bild Britisches Gräberverzeichnis. Diese Dokumente... - Document Peter Barton avec l'aimable autorisation de l'Imperial War Museum
Bild Nationale Kriegsgräberstätte am Gehöft Suippes... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
IV.1.2 Typische Beispiele für "Beisetzungen"

Seit Beginn der 1990er Jahre wurden immer wieder Archäologen hinzugezogen, um die Vielzahl an Leichenfunden zu untersuchen, die in den Frontabschnitten zurückgeblieben sind. Ihre Tätigkeit, die in den allermeisten Fällen zunächst von der Achtung vor diesen Männern geprägt war, nahm nach und nach immer stärker wissenschaftliche Züge an, um den letzten Abschnitt in der Geschichte dieser als vermisst geltenden Soldaten besser verstehen und mehr darüber sagen zu können. Man muss allerdings feststellen, dass trotz der Zunahme dieser Grabungen eine jede ein Einzelfall und das Ergebnis aus dem Zusammentreffen zahlreicher Faktoren ist, die zufällig in diesen Zeiten voller Gewalt und absoluten Notfällen gemeinsam eintraten. Dennoch kann man aus diesen zusammengewürfelten Einzelschicksalen einige Grundprinzipien ableiten. Am Anfang steht der Fund dieser verloren geglaubten Leichenteile, über die in der Literatur über den Krieg so viel zu lesen ist. Die Funde reichen von einigen wenigen Skelettfragmenten, die an der Oberfläche eines Schützengrabens freigelegt werden oder, noch seltener, gehäuft in einem Grab liegen, bis zu vermissten Soldaten in voller Ausrüstung am Grund eines Bombenkraters oder Schützengrabens. Hier gab es keine Beisetzung, die Bedeckung mit Erde erfolgte nach dem Zufallsprinzip. Anhand der Ausrüstung der gefundenen Soldaten kann man sich jedoch ein sehr genaues Bild dieser Kombattanten machen: Zusammensetzung ihrer Uniform, persönliche Gegenstände. Die Soldaten dagegen, die entweder in einem Einzel- oder Massengrab regulär beigesetzt werden konnten, werden oftmals ohne ihre Ausrüstung begraben, und auch ihre persönlichen Gegenstände werden ihnen abgenommen. Sie vermitteln uns also ein weniger präzises Bild, doch manchmal erkennt man besondere Begräbnisriten, bei denen freundschaftliche oder kameradschaftliche Bande betont werden, so insbesondere bei einer Bestattung im Massengrab, wo solche Riten wiederholt auftreten und daher leichter erkennbar sind. Es kann allerdings auch sein, dass man komplett oder fast völlig leere Gräber findet, denn unmittelbar nach Kriegsende wurden sehr viele Soldaten, die auf den Schlachtfeldern gefallen waren, umgebettet.

Bild Freilegung des Leichnams eines französischen... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Grabung an deutschen Soldatengräbern am... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Grabungen an einem kleinen Schützengraben‚ in... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Grabung an deutschen Soldatengräbern am... - Cl. Gautier Basset. Ministère de la Culture et de la Communication
IV.1.3 Ein Begräbnis für die Toten

Selbst wenn die militärischen Vorschriften zu Beginn des 20. Jahrhundert in groben Zügen Vorgaben für die Beisetzung von Soldaten enthielten, so waren diese doch angesichts der schrecklichen Ereignisse des Sommers 1914 auf dem flachen Land und anschließend aufgrund der Besonderheit des Grabenkrieges praktisch Makulatur. Die oft unglaublich zahlreichen eigenen, aber auch die nicht weniger zahlreichen feindlichen Toten zu bestatten, ist in den allermeisten Fällen schier unmöglich. Sie müssen in allergrößter Eile irgendwie vergraben werden, und sei es auch nur aus Hygienegründen. Die Bestatteten, die von den Archäologen gefunden wurden, vor allem diejenigen aus Massengräbern, vermitteln uns nach minutiösen Untersuchungen ein besseres Verständnis für die Schwierigkeiten, mit denen sich die Soldaten aller Nationalitäten konfrontiert sahen, aber auch für die gefundenen Lösungen. Zunächst einmal werden tote Feinde nicht mit derselben Sorgfalt bestattet wie ein gefallener Landsmann. Die Sorgfalt ist noch größer, wenn es sich um einen Waffenbruder handelt. Doch auch hier ist alles relativ und hängt von den genauen Umständen vor Ort ab. Falls der Abschnitt ruhig ist, werden Feinde vorschriftsmäßig begraben, und tote Kameraden werden im Hinterland auf einem ordentliche Friedhof beigesetzt. Bei heftigen Kampfhandlungen dagegen ist die einzige Sorge, sich der Leichen so schnell wie möglich zu entledigen, und zwar unabhängig von ihrer Nationalität, und sie werden eiligst am Hang des Schützengrabens verscharrt. Auch hier gibt es keine allgemein gültigen Regeln, denn jeder Leichenfund durch Archäologen gibt nur Auskunft über einen ganz speziellen Einzelfall, der von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. So zeigte sich bei Untersuchungen einiger Gräber trotz der Tatsache, dass diese in der vordersten Frontlinie bei einer Großoffensive angelegt worden waren, dass die Bestattung mit relativ großem Aufwand erfolgt war. Darin äußert sich eine erstaunliche Verbundenheit der Soldaten mit ihren Kameraden aus derselben Einheit.

Bild Szene mit andächtigen Trauernden vor einem... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Kranzniederlegung an einem Kreuz durch zwei... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Erdbestattung des noch bekleideten Skeletts... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Gavrelle (Pas-de-Calais). Die Offensive der... - Photo allemande. Fonds documentaire Alain Jacques
IV
Das tägliche Sterben

IV.2 Massenkrieg und Massensterben

Wenn man einen Friedhof aus dem 1. Weltkrieg mit den unzähligen Reihen ordentlich aneinander gereihter Gräber besichtigt, versteht man besser, wie hoch der schreckliche Blutzoll dieses Krieges war. Erstaunlicherweise forderte der Grabenkrieg deutlich weniger Opfer als der Bewegungskrieg. So fallen in den ersten 5 Monaten des Jahres 1914, als in offenem Gelände gekämpft wird, 300.000 Franzosen, und 1915 sind es bei den heftigen Offensiven 330.000. Anschließend werden es nach und nach weniger: 240 000 im Jahr 1916, und 1917 sind es trotz der Schlachten von Verdun, an der Somme und am Chemin des Dames 150.000. Die Soldaten haben gelernt, den relativen Schutz, den die Schützengräben bieten, auszunutzen. Als es 1918 wieder vermehrt zu Offensiven im offenen Gelände kommt, steigt auch die Zahl der Gefallenen erneut an. Schreckensjahr 1914 war.

Bild Militärisches Begräbnis während des 1.... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Französischer Friedhof in Ablain Saint-Nazaire... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Leichenhaufen in einem Schützengraben. - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Überreste eines Soldaten‚ der sich im... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Gefallener Soldat auf dem Schlachtfeld‚ noch... - Fonds documentaire Alain Jacques
IV.2.1 Die Grimsby Chums

Am 21. Mai 2001 entdecken Archäologen des nationalen Forschungsinstituts Inrap und der Stadt Arras bei vorsorglichen Grabungen vor der Erschließung eines Gewerbegebiets (ZAC Actiparc) bei Arras ein großes, 15 m langes Grab mit den sterblichen Überresten von 20 britischen Soldaten.

 

Die Vergessenen vom "Point du Jour"

Die ersten 19 Toten waren sorgfältig auf dem Rücken und mit auf dem Bauch gefalteten Händen aufgereiht. Die Arme waren so angewinkelt, dass sie sich mit den Ellbogen berührten. Anhand mehrerer Schulterklappen mit der Aufschrift "LINCOLN" konnte man diese Soldaten dem 10. Bataillon des Lincolnshire Regiments zuordnen. Diese Einheit war vom 9. bis 13. April 1917 in diesem Abschnitt im Einsatz. Dass hier inszeniert wurde, ist offensichtlich. Der Sinn erschließt sich einem, wenn man weiß, dass die Männer dieses Regiments als "Grimsby Chums", d. h. als die Kameraden von Grimsby, bekannt waren. Grimsby ist eine kleine Hafenstadt im Nordosten Englands.

 

Diese atypische, da nicht vorschriftsmäßige, Art der Bestattung ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Kameradschaft, die diese Männer verband. Die Archäologen standen vor einer echten Herausforderung, um diese Praxis nachzuvollziehen. Diese Soldaten wurden 2002 auf dem Soldatenfriedhof, der am nächsten am Ort ihrer Entdeckung lag, erneut bestattet.

Bild Aufnahme eines Grabes mit den Skeletten von 20... - Cl. Gilles Prilaux. Inrap
Bild Aufnahme eines Grabes mit den Skeletten von 20... - Cl. Gilles Prilaux. Inrap
Bild Detailansicht der Skelette von 20 britischen... - Cl. Gilles Prilaux. Inrap
IV.2.2 Deutsche Soldaten in Bétheny

2013 wurden bei vorsorglichen archäologischen Grabungen durch Mitarbeiter des archäologischen Forschungsinstituts Inrap (= Institut national de recherches archéologiques préventives) in der Gemeinde Bétheny im Departement Marne kleine Gräber freigelegt, die in zwei Reihen über knapp 60 m Länge angelegt wurden. Man fand die Leichname mehrerer deutscher Soldaten, die in den ersten Kriegstagen fielen, wahrscheinlich um den 17./18. September 1914. Zunächst hatte man eine Reihe einzelner Löcher ausgehoben und diese dann miteinander verbunden. So entstanden Gräben von mehreren Metern Länge, die ca. 70 cm tief und ca. 50 cm breit waren. Diese Gräben wurden durch zwei Einschläge verwüstet, und mindestens 7 Leichname wurden zerstört und die Überreste verstreut, so auch über 7 weitere tote Soldaten, deren unversehrte Leichen in der Nähe gefunden wurden. Die Wucht dieser Explosionen ist deutlich daran zu erkennen, dass die Leichname dieser Soldaten zusammengeschoben wurden.

 
Eine sorgfältige Untersuchung der Fundstücke ergab, dass es sich bei den in Bétheny im Einsatz befindlichen Truppen um Angehörige des Füsilier-Regiments 73 handelte (F.R. 73) und dass dazu auch einige Soldaten gehörten, die seit Kriegsbeginn bei allen Schlachten dabei waren, außerdem Männer der Verstärkung, die der Einheit erst vor kurzem zugeteilt worden waren und deren Ausrüstung nicht dem allerneuesten Stand entsprach. Diese Grabungen liefern eine außergewöhnliche Momentaufnahme aus den letzten Tagen des Bewegungskrieges, bevor die Front im Abschnitt Reims endgültig erstarren und der Grabenkrieg beginnen sollte.

Diashow Gegenstände‚ die bei den deutschen Soldaten in... - Inrap
Bild Gesamtansicht eines Schützengrabens‚ in dem... - Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild - Fonds documentaire Christophe Dutrône
Bild Kampagne 1914. Ein von den... - Fonds documentaire Michel Harduin
Bild Leichnam eines der in... - Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
IV.2.3 Tunnel von Carspach

Der Kilianstollen in der an der Flanke des Lerchenbergs gelegenen Ortschaft Carspach (Dep. Haut-Rhin) befand sich an der vordersten deutschen Frontlinie, die von 1914 bis 1918 quasi westlich von Altkirch verlief. Es handelt sich um eine unterirdische Schutzanlage von riesigen Ausmaßen, in der theoretisch 500 Soldaten Platz finden. Sie wurde von 1915 bis 1916 erbaut und sollte den Soldaten Schutz vor Bombardements bieten, die in den Schützengraben im Einsatz waren.

 

Archivunterlagen liefern Informationen über den Bau des Stollens und das tragische Unglück vom 18. März 1918, bei dem er teilweise zerstört wurde. An diesem Tag nahm die deutsche Artillerie am Morgen die französischen Linien mit Gasgranaten unter Beschuss, und am Nachmittag konzentrierte die französische Artillerie ihren Beschuss auf den Abschnitt des Kilianstollens. Eine Kompanie des 94. deutschen Reserve-Infanterieregiments nutzt diesen als sicher geltenden Stollen zu der Zeit als Schutz. Nach mehreren Salven stürzt er jedoch ein, und an die 30 Soldaten werden verschüttet. Man startet eine Rettungsoperation, um die im Stollen Verschütteten zu bergen, doch wegen technischer Schwierigkeiten wird die Suche schon bald unterbrochen. 21 Soldaten sollten verschollen bleiben.

 

Gefunden wurden sie erst 2011 bei vorsorglichen archäologischen Grabungen des archäologischen Dienstes der Region Elsass (Pôle d’archéologie interdépartemental rhénan). Sie lagen noch genauso da, wie sie beim Stolleneinsturz gestorben waren, da sich bisher niemand daran zu schaffen gemacht hatte. Neben Erkenntnissen zu Bau, Architektur und Ausbau eines Stollens kann man aus der Untersuchung der Leichname und der Fundstücke zahlreiche weitere Erkenntnisse gewinnen.

Diashow Gesamtansicht der Tunnelanlage in Carspach ... - PAIR
Bild Gesamtansicht der Tunnelanlage in Carspach ... - PAIR
Bild Der Kilianstollen in der Ortschaft Carspach ... - PAIR
IV.2.4 Das Schlachtfeld an der Straße nach Thélus

Als genau an der Stelle, wo am 25. September die 3. Schlacht im Artois stattfand, ein 20 ha großes Gewerbegebiet angelegt werden sollte, konnte ein Teil des Schlachtfeldes freigelegt werden. Es waren betonierte, geschlossene Feldschanzen, Unterstände für MG-Schützen sowie das Netz an Schützengräben zu erkennen, von dem man im Übrigen bereits durch französische und deutsche Karten wusste.

 

Bei den Grabungen während der Erdarbeiten und der Minenräumung fanden sich von 26 französischen und deutschen Soldaten, die an dieser Schlacht beteiligt waren, z. T. vollständig erhaltene Leichname. Ein Viertel dieser Gefallenen konnte identifiziert werden. Sie gehörten zum 50. Infanterieregiment. Es handelt sich um Kompaniechef Oberleutnant Jean Tessier (Aushebung Saintes), Unteroffizier André Léger, die Infanteristen Lucien Labat und Henri Faux (Aushebung Périgueux), Martin Dujardin (Aushebung Limoges) und Gaston Basset (Aushebung Béthune). Sie ruhen nun in der nationalen Kriegsgräberstätte Lorette. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ist im Zuge der Errichtung der geplanten Gebäude mit weiteren Funden zu rechnen. Hier hat man daher auf einer Fläche von 20 ha, deren Geschichte bekannt ist, die Gelegenheit, die Entwicklung eines Schlachtfeldes nachzuvollziehen, Erkenntnisse über die Begräbnispraktiken beider Seiten während intensiver Kampfhandlungen zu gewinnen und den Umgang mit toten Freunden und Feinden durch die Kriegsparteien, wenn diese nach Kampfhandlungen vermisst werden.

Diashow Unterlagen zu Oberleutnant Jean Tessier ... -
Bild Freilegung des Leichnams des Unteroffiziers... -
Bild Freilegung des Leichnams des Infanteristen... - Cl. Alain Jacques. Service archéologique d'Arras
Bild - Site internet Mémoire des hommes. Service historique de la Défense/DAVCC/Caen
IV.2.5 Deutsche und Franzosen in Massiges

Seit 5 Jahren kümmert sich der Verein "La Main de Massiges" um das etwas über drei Hektar große Gelände des sog. "Kraters", der ein bedeutsamer Ort für die Kampfhandlungen in der Champagne war. Die Vereinsmitglieder rekonstruieren die Schützengräben über ihren ursprünglichen Verlauf und so, wie sie 1915 aussahen, als sich Franzosen und Deutsche während erbitterter Kämpfe um die Kontrolle über die Stellungen oberhalb der Ortschaft Massiges gegenüber standen. Bei diesen Arbeiten wurden zahlreiche tote Soldaten gefunden. Die Untersuchung der Leichname durch Archäologen und insbesondere ihrer Verteilung in den Schützengräben lieferte weitere Erkenntnisse darüber, wie Soldaten spurlos auf dem Schlachtfeld verschwinden konnten. Von den 9 Leichnamen, die seit 2011 gefunden wurden, wurden drei Deutsche und drei Franzosen nicht richtig bestattet, sondern lagen in Bombenkratern oder Schützengräben. Allem Anschein nach wurden die Toten schnell den Abhang hinuntergelassen und hastig vergraben, bis sie nach Kriegsende ganz nach unten weiterrutschten. Ein weiterer französischer Soldat war ebenfalls in aller Eile zusammengerollt in einen Bombenkrater hinabgelassen und eilig begraben worden, während zwei weitere Franzosen ordentlich am Grund extra ausgehobener Einzelgräber abgelegt worden waren. Einer der beiden Leichname konnte übrigens identifiziert werden, weil hier ausnahmsweise die Erkennungsmarke beilag. Es handelt sich um den Soldaten Albert Dadure . Im Juli 2014 fand man 5 tote deutsche Soldaten in einigen Dutzend Metern Entfernung vom Standort des sog. "Kraters". Sie waren quasi im Knäuel in aller Eile in einem Laufgraben begraben worden, der zu einer Schutzanlage führte. An diesem Standort bekommt man einen Eindruck von den schrecklichen Kämpfen, durch die es in den allermeisten noch nicht einmal möglich war, selbst die eigenen Kameraden würdig zu bestatten.

Bild Um Besuchern einen Eindruck von einem erhalten... - Steven Delcourt. La Forme interactive
Bild Um Besuchern einen Eindruck von einem erhalten... - Steven Delcourt. La Forme interactive
Bild Um Besuchern einen Eindruck von einem erhalten... - Steven Delcourt. La Forme interactive
Bild Um Besuchern einen Eindruck von einem erhalten... - Steven Delcourt. La Forme interactive
Bild Um Besuchern einen Eindruck von einem erhalten... - Steven Delcourt. La Forme interactive
Bild Um Besuchern einen Eindruck von einem erhalten... - Steven Delcourt. La Forme interactive
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Das tägliche Sterben

IV.3 Einzelschicksale

Grabungen an Soldatengräbern liefern uns nicht nur Informationen über die Umstände der Bestattung, sondern haben auch viel mit der Achtung vor den Toten zu tun. Derartige Grabungen sind nicht zu vergleichen mit, sagen wir, der Freilegung einer gallorömischen Grabstätte, was sich oftmals rein auf technische Aspekte beschränkt, und geht über die normale Berufsausübung eines Archäologen hinaus. Die Öffnung dieser Gräber ist vielfach vorrangig der Pflicht zum Gedenken als einem rein archäologischen Interesse geschuldet. So erschließen sich uns ergreifende Einzelschicksale.

Bild - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild - Fonds documentaire Alain Jacques
IV.3.1 Alain-Fournier (1886-1914)

1991 wird das Grab von Alain-Fournier entdeckt. Dies läutet ein Umdenken in der Archäologie ein, die nun auch Spuren aus der jüngsten Vergangenheit untersucht. Es entsteht eine Archäologie des 1. Weltkrieges als eigenständige Disziplin. Die Initiative dazu kam von einer Gruppe von Bewunderern des Autors von "Le Grand Meaulnes" (1913), die der Polemik um die genauen Umstände seines Todes ein Ende bereiten wollten. So gab es von einigen Seiten Gerüchte, er sei erschossen worden, nachdem er auf deutsche Sanitäter geschossen habe. Diesen Bewunderern war es gelungen, den genauen Standort des mutmaßlichen Grabes von Alain-Fournier und seinen Leidensgenossen in Saint-Rémy-la-Calonne (Dep. Meuse) zu ermitteln. Der damalige französische Kulturminister Jack Lang beschloss, staatliche Archäologen graben zu lassen, obwohl diese anfänglich nicht begeistert von der Idee waren.

 

Das Grab von Archäologen öffnen zu lassen, die in der Anthropologie des Untergrundes bewandert sind, war die beste Garantie dafür, den Leichnam identifizieren und ein Maximum an Erkenntnissen gewinnen zu können. So konnten Alain-Fournier und 18 von 20 Soldaten aus diesem Massengrab identifiziert werden. Sie waren alle am 22. September 1914 gefallen. Sie wurden alle in der nationalen Kriegsgräberstätte in Saint-Rémy-la-Calonne erneut beigesetzt.

Diashow Entwürfe für das Buch "Le Grand Meaulnes". - Médiathèque de Bourges
Bild Porträt von Alain-Fournier bei sich zu Hause... - Cl. Dornac. Médiathèque de Bourges
Bild Porträt von Alain-Fournier im Manöver in... - Médiathèque de Bourges
Bild Massengrab‚ in dem man Alain-Fournier und... - Frédéric Adam. Inrap
IV.3.2 Pierre Grenier (1885 - 1915)

Als in der Ortschaft Roclincourt im Departement Pas-de-Calais eine Gasleitung verlegt wurde, stieß man in der Rue de Douai auf einen Laufgraben, der auf den Generalstabskarten als "Schützengraben Lesieur" eingezeichnet ist. Dort wurde der Leichnam des Soldaten Pierre Grenier gefunden (Soldbuch-Nr. 1771 Depot Privat - 4.<sup></sup> Kompanie des 1.<sup></sup> Bataillons des 59.<sup></sup> Infanterieregiments). Am 24. September bezog seine Einheit in Arras Quartier, bevor sie in den Abschnitt Roclincourt am westlichen Ende des Offensivformation während der 3. Schlacht im Artois verlegt wurde. 

 

Pierre Grenier wollte über einen Laufgraben zu seiner Kompanie aufschließen, und auf diesem Weg stürzten die Wände des Grabensals Folge der Bombardierung durch die Deutschen ein, so dass er verschüttet wurde. Die Bilanz der Verluste lautet am Abend des 25. September 1915 wie folgt: 10 Gefallene, 52 Verwundete und 4 Vermisste für die 4.<sup></sup> Kompanie. Am 11. April 1921 erklärt ihn das Gericht in Tournon für tot: "gefallen für das Vaterland".

 

Soldat Grenier hatte einen Tornister mit leichtem Marschgepäck dabei, das eine Zeltplane, eine Gasmaske und Vorräte für zwei Tage beinhaltete. Weiterhin trug er seine Brieftasche mit Familienfotos, einen Bleistift, sein Portemonnaie mit seinem goldenen Ehering und einigen Münzen bei sich. Die neueste Münze war ein goldenes 10-Franc-Stück von 1911. Zu seinen persönlichen Gegenständen gehörten außerdem ein Geduldsspiel in Form eines Passagierschiffs, zwei halbfertige Ringe aus Aluminium und Kupfer, eine Taschenuhr, eine Pfeife samt Feuerzeug, ein Taschenmesser, ein Bronzekreuz und ein kleines Gebetbuch. 

Diashow Korrespondenz des Soldaten Pierre Grenier‚... - Fonds documentaire de la famille Grenier
Diashow Gegenstände des Soldaten Pierre Grenier‚... - Service archéologique municipal d'Arras
Bild - Fonds documentaire de la famille Grenier
Bild Foto des Soldaten Pierre Grenier (stehend)‚... - Fonds documentaire de la famille Grenier
Bild Foto des Soldaten Pierre Grenier (Oberkörper)‚... - Fonds documentaire de la famille Grenier
Bild Dienstliche Sterbeurkunde des Soldaten Pierre... - Ministère de la Défense
IV.3.3 Albert Dadure (1894-1915)

Am 21. Juli 2013 fanden Archäologen an der "Main de Massiges" den Leichnam eines Soldaten. Es handelte sich um Albert Dadure, geboren am 2. April 1894 in Audouville-la-Hubert im Kanton Sainte-Mère l’Église im Departement Manche. Zum Zeitpunkt der Mobilmachung wohnte er in Fontenay-sur-Mer, wo er Ackerbau betrieb. Am 7. September 1914 wird Albert Dadure einberufen und folgt einem Soldatentrupp auf dem Weg zum Einsatz auf dem Schlachtfeld. Am 5. Dezember 1914 wird er ins 23. Regiment der Kolonialinfanterie aufgenommen, das in Paris kaserniert ist, und wird an die Champagnefront (Abschnitt Massiges) verlegt.

 

Von da an ist das Regiment in Stellung an der Linie bei der Hügelkette "Main de Massiges" und am nördlichen Rand des Waldes von Hauzy. Der Rückzugsabschnitt liegt in Dommartin-sous-Hans. Am 4. Februar 1915 wird das 23. Regiment der Kolonialinfanterie wieder zum Einsatz in die Schützengräben an der "Main de Massiges" geschickt. Am 5. geraten die französischen Stellungen am Höhenkamm unter sehr schweres Bombardement. Die Truppen, die sich an den flächendeckend von den Deutschen beherrschten Hängen festgesetzt haben, befinden sich in einer kritischen Lage und erleiden schwere Verluste (Quelle: Marschtagebuch der 5. Kolonialbrigade). Am 7. Februar wird der Soldat Albert Dadure in einem Schützengraben in vorderster Linie von einer Kugel getroffen und stirbt. Kolonialinfanterist Dadure wird von seinen Kameraden im Schützengraben beerdigt. Am 11. Februar erobern die Deutschen die Stellung, die die Franzosen erst nach Ende September 1915 zurückerobern sollten. In der Zwischenzeit geriet Dadures Grab in Vergessenheit.

Diashow Korrespondenz des Soldaten Albert Dadure. - Fonds documentaire La Main de Massiges
Bild Rekonstruktion von Schützengräben am Standort ... - Éric Marchal. Association de la Main de Massiges
Bild Grab des Soldaten Albert Dadure in Massiges... - Michel Signolli. CNRS
Bild Soldat Albert Dadure inmitten seiner... - Fonds documentaire de la Main de Massiges
Bild Dienstmarke des Soldaten Albert Dadure. Sie... - Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild - Site internet Mémoire des hommes. Service historique de la Défense/DAVCC/Caen
IV.3.4 Archibald Mac Millan (1889-1917)

Die Grabung an einem Grab eines Soldaten des 15. Bataillons des Royal Scots Regiments in Zuge der Erschließung des Gewerbegebiets Actiparc bei Arras ist ein sehr gutes Beispiel für die persönliche Betroffenheit von Archäologen bei der Konfrontation mit Einzelschicksalen, wie sie sich im Umgang mit Spuren aus dem 1. Weltkrieg ergeben. Dieser Soldat, der im April 1917 in einem Granatentrichter begraben worden war, konnte dank seiner auf den Namen Archibald Mac Millan lautenden metallenen Erkennungsmarke identifiziert werden. Jeder britische Soldat bekam von den Behörden zwei Dienstmarken, auf denen ihr Name in ein Material in der Art von gekochtem eingestanzt wurde, das sich aber unter der Erde schnell zersetzte. Daraufhin legten sich sehr viele Soldaten selbst gefertigte Erkennungsmarken aus nicht oxidierbarem Metall zu, das oftmals an diejenigen der französischen Armee erinnerte.

 

Nach der Öffnung des Grabes wurde Mac Millans Leichnam den britischen Behörden übergeben, um auf den nächstgelegenen Soldatenfriedhof umgebettet zu werden. Nach dieser geglückten Identifizierung stellte die Commonwealth War Graves Commission Nachforschungen an, um eventuelle Nachkommen zu finden. So stieß man auf seinen Sohn. Daher nahm 2002 ein alter Herr von 87 Jahren am Begräbnis seines Vaters teil, den er praktisch kaum gekannt hatte.

 

Die Reichweite der archäologischen Tätigkeit dürfte unschwer nachvollziehbar sein, und ebenso kann man sich sicherlich vorstellen, dass man sich in diesem sehr sensiblen Bereich unserer kollektiven Erinnerung als Archäologe die Frage nach der Legitimität der eigenen Arbeit stellt.

Bild Grab von Archibald Mac Millan‚ Soldat des 15.... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Archibald Mac Millans Sohn 2002 inmitten von... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
IV.3.5 August Hütten (1880-1918)

August Hütten wurde am 7. März 1880 in Aachen in eine gebildete bürgerliche Familie hineingeboren. Er ist das dritte Kind von Gerhard (1845-1918) und Christine Hütten (1853-1932). Er wächst in einer engagierten katholischen Familie auf, in der man die Musik liebt, und besucht das (Kaiser-Karls-Gymnasium).

 

Im März 1918 ist er Feldwebelleutnant. Er dient als Adjutant des Kompaniechefs und Zugführer. Den letzten Dienst tut er in der 6. Kompanie des 94. (Reserve-Infanterie-Regiment 94). Fotografien legen außerdem die Vermutung nahe, dass August in der Zeit von September 1917 bis 1918 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde.

 

Am 18. März 1918 wird August Hütten nach einer Operation der französischen Artillerie im Kilianstollen in Carspach (Dep. Haut-Rhin) in der Nähe von Altkirch verschüttet. Dort war sein Regiment seit Dezember 1917 stationiert. 2011 wurde Augusts Leichnam, der im Krieg nicht exhumiert werden konnte, für den jedoch am 27. Mai 1962 ein Gedenkstein eingeweiht wurde, schließlich im Zuge archäologischer Grabungen gefunden. 2013 wurde er auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Illfurth (Dep. Haut-Rhin) neben seinen gefallenen Kameraden begraben.

Diashow Familienfotos von August Hütten - Hannelore Börger
Bild Kilianstollen in Carspach im Departement Haut... - Cl. A. Bolly. PAIR
Bild Kilianstollen in Carspach... - Cl. A. Bolly. PAIR
Bild Kilianstollen in Carspach... - Cl. A. Bolly. PAIR
IV
Das tägliche Sterben

IV.4 Mensch und Tier im Leid vereint

Selbst wenn der 1. Weltkrieg in erster Linie ein Stellungskrieg ist, dessen charakteristische Struktur der Schützengraben ist, so ist doch für die Versorgung der Front mit Munition und Lebensmitteln und den Transport der Artilleriebatterien ein enormer Transportaufwand vonnöten. Zu einer Zeit, als das Automobil noch in den Kinderschuhen steckte, wurden hierzu Hunderttausende von Tieren, hauptsächlich Pferde und Maultiere, requiriert Auch unter den Pferden der Kavallerie, die vor allem zu Beginn des Krieges eventuelle Durchbrüche ausnutzen sollten, gab es hohe Verluste.

Bild Pferde‚ die durch Artilleriebeschuss an der... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Verluste an Pferden. Getötete Pferde auf dem... - Photo allemande, fonds documentaire Alain Jacques
IV.1 Die Pferde von Braine

1997 entdeckte man in Braine im Departement Aisne bei Grabungen in einem Industriegebiet drei ovale Gräber. In jedem lag ein vollständiges Skelett eines ausgewachsenen Pferdes. Diese Gräber waren alle in einer Achse angelegt, und die beiden, die am weitesten voneinander entfernt waren, trennten lediglich 70 m. Die Nähe der Front im 1. Weltkrieg, die in einem der Gräber vorgefundenen Bombensplitter, das Fehlen von Hufeisen und Zaumzeug, das generell mitgenommen wurde, sowie die Tatsache, dass an einigen Beinen die letzten Glieder fehlen, belegen, dass es sich um Pferde der leichten Kavallerie handelt, die von einer Artilleriesalve getötet und an Ort und Stelle vergraben wurden.

 

Da der Abschnitt um Braine nicht vom Grabenkrieg betroffen war, der sich von Oktober 1914 bis Mai 1918 einige Kilometer weiter nördlich am Chemin des Dames abspielte, ist logischerweise davon auszugehen. dass die Episode der Pferde von Braine mit dem Ende der Gegenoffensive an der Marne um den 13. September 1914 herum zusammenfällt. Zu diesem Zeitpunkt wird der Vormarsch der britischen Armee unter Marschall French, der die Deutschen von Meaux aus verfolgt, auf der Höhenlinie gestoppt, die den Fluss Vesle von der Aisne trennt und unterhalb derer Braine liegt. Dabei verlieren die Briten einige Pferde, behalten jedoch die Oberhand über den Abschnitt und haben sogar noch Zeit, die Hufeisen zu entfernen und die toten Pferde zu vergraben. Es sollte ihnen nur unter großen Schwierigkeiten gelingen, den Feind hinter die Aisne zurückzudrängen, wo sich die Front für die nächsten drei Jahre nicht wesentlich verändern sollte.

Bild Eines der drei Pferde‚ die in Braine (Dep.... - CL. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Eines der drei Pferde‚ die in Braine (Dep.... - CL. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication