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Archäologie und Spuren

II.1 Zur Rolle der Archäologen

Zu Beginn der 1990er Jahre werden im ländlichen Raum im Zuge von Großprojekten (Bau von Autobahnen und TGV-Linie) immer häufiger großflächig vorsorgliche archäologische Grabungen durchgeführt. Im Norden und Osten Frankreichs sehen sich Archäologen in den Gebieten, wo im 1. Weltkrieg die Front verlief, mit der "Wiederentdeckung" von Überresten aus dieser Zeit konfrontiert.

 

In Landschaften, in denen die Spuren der Kampfhandlungen durch die erneute Kultivierung als Ackerland unmittelbar nach Kriegsende und durch eine rasante Industrialisierung sorgfältig überdeckt wurden, war diese unerwartete Konfrontation mit den Überresten einer Epoche, die damals noch nicht zum üblichen Repertoire ihrer Forschungen gehörte und über die sie wenig wussten, für Archäologen nicht spannungsfrei und ließ sie ihre Arbeit hinterfragen, denn sie waren nicht in der Lage festzustellen, welchen Stellenwert die extrem zahlreichen Funde hatten und ob sie von Interesse waren. Sie wurden beinahe als unbequem gegenüber eventuellen anderen Zivilisationen am selben Standort empfunden. Zudem gab es immer wieder Probleme durch zahlreiche Funde von noch scharfer Munition, was nicht gerade ermutigend wirkte und den ordnungsgemäßen Ablauf der archäologischen Arbeit behinderte. Erschwerend hinzu kam, dass leider regelmäßig die sterblichen Überreste von Soldaten entdeckt wurden, die nach den Kämpfen als vermisst galten, was oftmals eher persönliche Betroffenheit auslöste.

 

Diese besondere Art von Hinterlassenschaften schien also eher Ärgernis als interessantes Arbeitsgebiet zu sein. Zudem stellte sich die Frage, ob diese mit der Gegenwart noch so eng verbundene Zeit, die bereits umfassend dokumentiert ist, überhaupt von Archäologen bearbeitet werden musste.

Bild Doppelte‚ in sich geschlossene Grabanlage aus... - Cl. Thomas Sagory. Inrap
Bild Grab mit den Skeletten von 6 deutschen... - Michel Signolli. CNRS
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Archäologie und Spuren

II.2 Zum Gegenstand der Grabungen

Als Grundvoraussetzung für die Arbeit eines Archäologen gilt die unstillbare Neugier, und zwar unabhängig vom Ursprung und der Datierung der entdeckten Überreste. So machten zu Beginn der 1990er Jahre einige Archäologen, die direkt und immer wieder mit Funden aus dem 1. Weltkrieg zu tun hatten und für die die Debatte über die Sinnhaftigkeit einer archäologischen Spezialdisziplin 1. Weltkrieg nicht so einfach und ohne weitere Forschungen abgeschlossen werden konnte, diese zunächst als unbequem empfundenen Überreste zu einem eigenen Fachgebiet.

 

Bei diesen ersten Forschungsarbeiten konnten ihre offenen Fragen konkretisiert werden, und anschließend wurden die Leitlinien für die Forschung in diesem etwas anderen und komplett neuen Spezialgebiet der Archäologie festgelegt. Es bedurfte jedoch weiterer 10 Jahre punktueller und opportunistischer Forschungen an Vorhaben, die oft genug älteren Epochen zuzuordnen waren, bis sich zwei Hauptrichtungen für die Forschung herauskristalllisierten. Genau, wie man es für frühere Epochen und Zivilisationen tut, so sollen auch in dieser Disziplin vorrangig der Alltag ebenso wie das tägliche Sterben der Kombattanten untersucht werden, da man hieraus wertvolle und neuartige Informationen zum besseren Verständnis dieses Krieges gewinnen kann. Sicherlich werden sich im Zuge neuer Forschungsarbeiten, die seit Anfang des 21. Jh. immer zahlreicher werden, neue Ansätze ergeben.

Bild Eröffnung eines Schützengrabens bei einer... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Der Kilianstollen in der Ortschaft Carspach ... - PAIR
Bild Grabungen an einem Schützengraben der Briten... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Aufnahme eines Grabes mit den Skeletten von 20... - Cl. Gilles Prilaux. Inrap
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II.3 Erinnerung als fester Bestandteil der Disziplin

Nach einer ersten Bewusstwerdung im Rahmen von Bauvorhaben in den 1990er Jahren und der mittlerweile erfolgten Definition wissenschaftlicher Fragestellungen ist es der Archäologie des 1. Weltkrieges nach und nach gelungen, aus den Kinderschuhen herauszusteigen und sich eine gewisse Legitimität zu erwerben. In den letzten 10 Jahren gab es immer mehr Forschungsvorhaben in allen Regionen, durch die die Front verlief. Die Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs verhelfen dieser Disziplin zu willkommener Aufmerksamkeit. Die Archäologie schuldete es uns, mittlerweile verschwundenen und flüchtigen Spuren der Soldaten, die durch die Hölle des 1. Weltkrieges gingen, die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, uns sei es auch nur aus Achtung vor der Aufopferung dieser Männer.

Bild Zeitgenössische künstlerische Kreation‚ die... - Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Kriegerdenkmal zu Ehren der Soldaten aus Fonds... - Yves Billaud. DRASSM
Bild Im Beinhaus in Douaumont (Lothringen) werden... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
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Archäologie und Spuren

II.4 Erhalt eines bedrohten Kulturerbes

Unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen wurden die Spuren des Krieges nach und nach durch die erneute Nutzung als Ackerland und den Wiederaufbau der zerstörten Dörfer verwischt. Einige seltene Abschnitte, die zu stark in Mitleidenschaft gezogen worden waren, um wieder wie früher genutzt zu werden, sollten, wie Verdun, zu Stätten der Erinnerung werden. In noch nicht einmal 20 Jahren haben sich in den im Krieg schwer verwüsteten Landstrichen die Wunden geschlossen, und die Erinnerung an den 1. Weltkrieg lebt vor allem in den Erzählungen der Veteranen und in de Kriegerdenkmälern weiter. Aber diese Art des Bewahrens der Erinnerung an den Krieg, die für eine Öffentlichkeit geeignet war, die diese Ereignisse miterlebt oder ihre Urheber persönlich gekannt hatte, ist für uns heute nicht mehr geeignet.

Aus Anlass der Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag stellt man fest, dass die Spuren dieses Krieges recht rar geworden sind. Einige lokale Vereine, die immer stärker von den Gebietskörperschaften unterstützt werden, setzen sich allerdings seit vielen Jahren für den Erhalt dieses bedrohten Kulturerbes ein, so in Vauquois (Dep. Meuse) oder Massiges (Dep. Marne). Dank ihres beispielhaften Einsatzes ist es möglich, der langsamen Erosion dieses Erbes aus der jüngsten Vergangenheit Paroli zu bieten. Aber was soll mit den weit größeren Frontabschnitten geschehen, um die sich niemand kümmert? Hier hat die Archäologie eine immens wichtige Aufgabe bei der Untersuchung und Bewahrung dieses Kulturerbes, dessen Bestandteile an einigen wenigen Orten noch fast vollständig erhalten geblieben sind und nicht durch unsere Raumordnungswut zerstört wurden (unterirdische Anlagen und Waldgebiete).

Bild Lager in einem Tal (Vallée Moreau): Nachbau... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Festungsanlage Mutzig (Dep. Bas-Rhin)‚ Feste... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Festungsanlage Mutzig (Dep. Bas-Rhin)‚ Feste... - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
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Archäologie und Spuren

II.5 Archäologen in den Schützengräben

Im 1. Weltkrieg waren auch zahlreiche Archäologen unter den kämpfenden Truppen. Oftmals stammen sie aus der Bildungselite und dienen im Normalfall als Offiziere oder Unteroffiziere. Die Verluste unter ihnen waren hoch.

 

Ein bedeutender französischer Archäologe der damaligen Zeit, Joseph Déchelette , meldet sich gleich bei Kriegsbeginn als Freiwilliger, obwohl er aufgrund seines Alters nicht mehr zum Wehrdienst verpflichtet ist. Er wird zum Hauptmann der Reserve ernannt, und Ende September rückt er mit dem 298. Reserve-Infanterieregiment Roanne an die Aisne-Front vor. Am 4. Oktober 1914 wird er im Alter von 55 Jahren bei einem Angriff auf den Anhöhen von Vingré getötet. Er hinterlässt ein monumentales, sechsbändiges Werk: das Manuel d’archéologie préhistorique, celtique et gallo-romaine, ein Handbuch der Archäologie der Frühgeschichte, der Kelten und der Gallorömer, das lange Zeit als das Referenzwerk schlechthin gilt.

 

Bei den Erdarbeiten zum Bau der Schützengräben werden per Zufall zahlreiche archäologische Funde gemacht. Bei den Alliierten verbreiten bestimmte wissenschaftliche Zeitschriften Anekdoten über einige Funde. Die Deutschen dagegen verwenden die Archäologie als Argument und Rechtfertigung für ihre expansionistischen Ambitionen auf der Suche nach altgermanischen Kulturgütern. Sie organisieren groß angelegte Grabungen, über die Veröffentlichungen erscheinen. Ein solches Kulturgut ist das gallische Gräberfeld (Frühlatène) bei Bucy-le-Long , wo Hans Niggemann vom 8. Februar bis zum 9. April 1915 32 Gräber aus der Keltenzeit freilegt.

Diashow Auswahl an Dokumenten aus der Grabung an der... -
Bild Joseph Déchelette 1913. Foto: R. Melcy‚ Paris.... - © Roanne - Musée Joseph Déchelette - Bibliothèque
Bild Weiler Vingré. Hier befand sich das erste Grab... - © Roanne - Musée Joseph Déchelette - Bibliothèque