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Der Alltag

III.1 Versorgung und Ausrüstung

Unmittelbar nach Kriegsbeginn waren alleine an der Westfront schon mehr als 4 Millionen Mann im Einsatz. Nie zuvor hatte es in Europa eine solche Mobilmachung gegeben, und noch nie war so ein Aufwand für die Ausrüstung und Versorgung so vieler Soldaten betrieben worden. Sobald die Front erstarrt war und sich die Kriegsparteien in ihren Schützengräben verschanzt hatten, rollte ein riesiger Logistikapparat für die Versorgung einer Front an, die immer mehr Menschen, Munition und Versorgungsgüter aller Art verschlang. Zu beiden Seiten der Front entstehen daher Etappenziele, wo sich Logistiklager, neue Bahnlinien, Quartiere für Truppen, die nicht im Fronteinsatz sind oder ausgebildet werden sollen, Lazarette und sonstige Infrastrukturanlagen konzentrieren, die eine Armee für ihren Betrieb benötigt. Diese vergessenen Infrastrukturanlagen wurden nach der Beendigung der Kampfhandlungen aufgegeben und erstehen bei archäologischen Grabungen regelmäßig aus ihrem Dornröschenschlaf wieder auf, manchmal im zweistelligen Kilometerbereich hinter der Frontlinie und an völlig unerwarteten Orten: ein amerikanisches Lager und eine französische Weiterleitungsstation im Norden des Burgund und 200 km südlich von Verdun oder Werkstätten zur Vorbereitung und Instandhaltung britischer Panzer 50 km westlich von Arras. Grabungen können hier völlig neue Erkenntnisse über den Soldatenalltag fern der Front im Hinterland oder wertvolle Informationen über logistische Aspekte bringen, über die wenig bekannt ist, da sie völlig in Vergessenheit geraten sind.

Bild Suppefassen an einer mobilen Suppenküche in... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Britische Unteroffiziere posieren stehend in... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Ein britischer Unteroffizier an der vordersten... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Gaston und Chaurion: Ein Soldat verteilt mit... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Paketverteilung in einem Schützengraben der... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Deutsche Soldaten in einer sog. Nissenhütte in... - Fonds documentaire Alain Jacques
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Der Alltag

III.2 Ernährung der Soldaten im Kampfeinsatz

Da es durch den langen Stellungskrieg notwendig wurde, den Boden zu besetzen und für die eigenen Zwecke zu gestalten, stellt er quasi in archäologischer Hinsicht eine außergewöhnliche Datenbank dar, die Auskunft über den Alltag der Kombattanten am jeweiligen Ort gibt, so insbesondere über die Ernährung. Die Funde an Behältern und Essensresten sind enorm wertvolle Informationsquellen.

 

Die im 19. Jh. erfundene Konservendose trat im 1. Weltkrieg ihren Siegeszug an. Die Soldaten mögen lieber frische Lebensmittel, doch Konservendosen sind für die Lebensumstände an der Front geeigneter, denn aus ihnen kann der Soldat sofort oder später essen, und er braucht die Mahlzeit nicht gesondert zuzubereiten. So wird er mit den Grundnahrungsmitteln versorgt: Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse.

 

An der vordersten Frontlinie tragen Küchensoldaten regelmäßig kaltes Essen aus. Feuermachen zum Wärmen ist strengstens verboten. Erst gegen Ende des Krieges wird systematisch Hartspiritus verwendet.

 

Auch Glas findet sich sehr häufig. Es wird hauptsächlich für flüssige Nahrungsmittel zusätzlich zur metallenen Feldflasche verwendet, die zur Ausstattung eines jeden Kombattanten gehört. Trinkwasser ist in den Kampfgebieten sehr selten. Die Trinkwasserversorgung ist entscheidend für das Überleben der Soldaten. Die Deutschen bauen in Frontnähe kleine Einheiten zur Herstellung von Mineralwasser in Flaschen auf. Alkoholkonsum (Wein, Bier, Spirituosen) wird in den Stellungen systematisch durch Funde von Glasbehältnissen unterschiedlichster Größe nachgewiesen.

Diashow - Cl. Dominique Bossut. Inrap
Diashow - PAIR
Diashow Konservendosen und Proviant aus dem 1. Weltkrieg - PAIR
Diashow Flaschen aus dem 1. Weltkrieg - PAIR
Bild Französische Soldaten aus der vordersten... - Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Eine Gruppe deutscher Offiziere und... - Fonds documentaire Jean-Claude Laparra
Bild Britischer Soldat im Profil vor einer Mauer... - Imperial War Museum
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Der Alltag

III.3 Schlachter auf dem Flugplatz

2009 wird am Flurstück "Au-dessus du Clos" am östlichen Rand der Ortschaft Châtelet-sur-Retourne (Dep. Ardennes) bei vorsorglichen archäologischen Grabungen eine Anlage aus dem 1. Weltkrieg freigelegt. Diese vorsorglichen archäologischen Grabungen am Flurstück "Au-dessus du Clos" in Châtelet-sur-Retourne betreffen einen deutschen Militärflugplatz am Rande der Gemeinde, der als Stützpunkt im Hinterland diente.

 

In Gräben, die mit großen Hangars verbunden waren und später als Abfallgruben verwendet wurden, fand man zahlreiche tierische Überreste, die belegen, dass dort geschlachtet wurde. In zwei Gruben fand man Pferdeskelette. Eines der Tiere war durch einen Schuss in die Stirn getötet worden. Dass Gliedmaßen und Rumpf des Tieres fehlen, deutet darauf hin, dass die fleischigen Teile wahrscheinlich noch verwendet und aufgegessen wurden. Bei Grabungen an einer dritten Grube fand man an die 200 Überreste von Rindern, darunter ca. 30 Schädel. An allen fanden sich Behauspuren. Aufgrund der Präzision und der Regelmäßig der Scharten in den Knochen ist davon auszugehen, dass die Tiere fachmännisch zerlegt wurden.

 

Zu der Zeit versorgte sich die deutsche Armee u. a. dadurch, dass sie die in den besetzten Gebieten verfügbaren Lebensmittel kaufte oder requirierte. Wenn Großvieh eingezogen wurde, so wurde kein Unterschied zwischen Ochsen, Bullen, Kühen und Kälbern gemacht.

Bild Grabungen an einer Grube im Lager der... - Cl. Yoan Rabasté. Inrap
Bild Pferdeskelett während der Grabungen am Lager... - Cl. Yoan Rabasté. Inrap
Bild Teile eines Pferdeskeletts. Das Tier wurde von... - Cl. Yoan Rabasté. Inrap
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Der Alltag

III.4 Zivilisten im Krieg

1914 hatte Frankreich knapp 40 Mio. Einwohner, und bis zum Kriegsende sollten 8.500.000 Männer mobilisiert werden. Der Krieg wird nicht länger von einer Armee, sondern von der gesamten Nation geführt, deren männliche Bevölkerung zum größten Teil Uniform trägt. In den Familien werden oft mehrere Mitglieder eingezogen. Die Sachlage ist bei fast allen kriegführenden Parteien ähnlich, und dies sollte die in diesen Krieg verwickelten Nationen dauerhaft prägen. Der 1. Weltkrieg hat sich für immer in unser kollektives und persönliches Gedächtnis eingebrannt und ist auch 2014, zum Zeitpunkt der Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs, noch immer spürbar. Bei Grabungen stoßen Archäologen auch auf Typisches für diese Zivilgesellschaften, auf Spuren des Alltages dieser Zivilisten in Uniform. Unterschiede erkennt man vor allem in den für jede Nation typischen Ernährungsgewohnheiten. Flüchtiger sind dagegen die seltenen Spuren im Zusammenhang mit Religionsausübung oder Bestattungspraktiken. Und schließlich versuchen die Kombattanten während der Feuerpausen, die ihnen bekannten Lebensbedingungen nachzustellen. Die Bilder und Grabungen in den Lagern, in denen sich die Deutschen ausruhten, sprechen für sich: Sie sind straff durchorganisiert, die Holzhütten sind oftmals sorgfältig mit Holzornamenten aus Birkenholz verziert. Außerdem erinnern die zahlreichen Gräberfelder im Frontgebiet an die Friedhöfe in Deutschland.

Bild - Cl. Yves Desfossés. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild Fabrik in Courcelles (Dep. Pas-de-Calais). Als... - Photo allemande, fonds documentaire Alain Jacques
Bild Saint-Martin-sur-Cojeul (Dep. Pas-de-Calais).... - Photo allemande. Fonds documentaire Alain Jacques
Bild Brennendes Haus in einem Dorf im Departement... - Photo allemande, fonds documentaire Alain Jacques
Bild Luftaufnahme der Stadt Arras‚ hier Grand Place... - Fonds documentaire Alain Jacques
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Der Alltag

III.5 Handwerksarbeiten im Schützengraben

Bei Grabungen im Zuge der Erschließung des Gewerbegebiets Actiparc bei Arras wurde in einem Schützengraben eine Werkstatt entdeckt. In diesem Schützengraben, der in britischen Plänen als "Tilloy Trench" aufgeführt wird, fand man seltsamerweise in sehr großer Anzahl Reste von Ausschnitten aus Messinggeschosshülsen und Aluminiumkanistern. Bei der Untersuchung dieser Fundstücke konnte man zahlreiche kleine Gegenstände identifizieren, so z. B. Etuis zum Schutz von Streichholzschachteln oder Koppelschnallen, und ihre Fertigungsketten nachvollziehen.

 

Die Geschosshülsen wurden in unmittelbarer Nähe auf dem Schlachtfeld eingesammelt. Die Messinghülsen wurden aufgeschnitten und aufgerollt, damit das Blech plan war, und dann wurden daraus Gegenstände unterschiedlichster Art ausgestanzt: Brieföffner, Koppelschnallen, Etuis zum Schutz von Streichholzschachteln, Farbkästen, Kerzenleuchter oder Souvenirs in Form eines britischen Panzers. Aus den eingesammelten Kanistern und Flaschen aus Resttafeln und Aluminium werden im Wesentlichen ovale Erkennungsmarken hergestellt, die nicht den Vorschriften entsprechen. Auch das Werkzeug aus dieser Werkstatt wurde gefunden: Stanze, Feile und kleine Hämmerchen, die mit viel Geschick aus Zündern schwerer Artilleriegeschütze hergestellt wurden.

 

Die Untersuchung dieser Werkstatt ergab, dass diese Gegenstände wahrscheinlich von deutschen Kriegsgefangenen hergestellt wurden, die bis 1919 dort bleiben und die Eisenbahnlinie Arras - Lens wieder instand setzen mussten. Diese Linie verläuft keine 200 m entfernt von dem Schützengraben, wo all diese Objekte gefunden wurden.

Diashow Ein Beispiel für Gegenstände‚ die in den... - Cl. Jean-Marie Patin. Ministère de la Culture et de la Communication
Bild - Cl. Pierre MACHARD, 1915 © ECPAD / France (SPA 4 C 394)
Bild Aschenbecher aus Kalkstein... - Cl. Bruno Duchêne. Inrap
Bild Aschenbecher aus Kalkstein... - Cl. Bruno Duchêne. Inrap